Das Mädchen, das vom Himmel fiel

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Re: Das Mädchen, das vom Himmel fiel

Beitrag  Esther am Fr 11 Jan 2019 - 12:50

Uriel stellte Fragen, die sie sich im Grunde auch selbst stellen könnte, denn eine ernstzunehmende Antwort würde er von ihr nicht bekommen, so leid es ihr tat. „Im Himmel war ich ja nicht Esther. Den Namen und mein Aussehen hab ich erst hier unten bekommen.“ Beantwortete das seine Frage? Jedenfalls klang es in ihrem Kopf ganz schlüssig, dass man sich nicht an etwas erinnern konnte, das man nicht bewusst miterlebt hatte. „Hmm—das ist ein bisschen so, als würde ich dich fragen, warum du keine Erinnerungen an die Zeit hast, als du ein Baby warst“, fügte Esther lächelnd hinzu, in der Hoffnung, dass der Vergleich zutreffend war und es Uriel etwas klarer machte.
„Daaas—kann ich nicht erklären, tut mir leid“, sagte sie, als Uriel fragte, wie sie gleichzeitig für ihren Schützling da sein und hier sitzen und plaudern konnte. Es passierte eben alles mehr oder weniger nebenbei, aber das war keine (gute) Erläuterung. „Brauchst du nicht!“, bestätigte sie nochmal die Tatsache, dass Uriel wirklich kein schlechtes Gewissen zu haben brauchte. Er hielt sie überhaupt nicht von ihrer Aufgabe ab. Nein, sie war dankbar, dass sie währenddessen im Trockenen sitzen und bald einen leckeren Kakao mit Marshmallows genießen durfte. „Oh, also verkaufst du alte Sachen? Was denn so?“ Sie wusste ja, was Antiquitäten waren, konnte sich aber nicht so richtig ein Bild davon machen, was alles unter den Begriff fiel. „Hast du einen eigenen Laden?“ Das fände Esther schon beeindruckend.
Als die Bedienung ihren Notizblock zückte und fragte, was die beiden gern hätten, schaute der Engel erst einmal etwas unsicher zu Uriel, entschied sich dann aber dafür das Wort zu ergreifen. Sie zog die Karte auf ihren Schoß und deutete mit dem Zeigefinger erneut auf die Waffel ihrer Wahl. „Einmal das mit Erdbeeren. Wir teilen uns nämlich eine“, verkündete sie, als wäre das etwas Besonderes oder als würde die Kellnerin sich in irgendeiner Weise dafür interessieren. Diese nickte bloß (mehr oder) weniger motiviert. „Und zweimal das mit den Marshmallows!“ Dabei deutete sie auf das Plakat und hob demonstrativ zwei Finger in die Luft. Dann sah sie wieder zu Uriel. „Möchtest du noch was bestellen?“ Sie fragte so, als wäre sie diejenige, die zahlte und er derjenige, mit dem 1-Dan-Stück in der Hosentasche.

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Esther

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Re: Das Mädchen, das vom Himmel fiel

Beitrag  Uriel am Fr 11 Jan 2019 - 17:26

„Hmm-okaay…“, machte ich schließlich, als Esther noch mal versuchte, mir das mit dem Nicht-Erinnern zu erklären, und als sie dann das mit dem Baby sagte, konnte ich es mir auch irgendwie besser vorstellen. Trotzdem war das für mein Hirn wahrscheinlich ein bisschen zu abstrakt. Aber solange ich nicht zum Engel wurde, musste ich es wohl nicht verstehen. Nur dass mir mal irgendwer gesagt hatte, dass Menschen nicht zu Engeln wurden. Sondern Engel einfach … Engel waren.
„Na guuut, dann glaub ich dir das mal so.“ Ich lächelte wieder deutliche und patschte mir die Hände leicht auf die Oberschenkel. Also, klar glaubte ich Esther. Mir blieb ja auch nix anderes übrig. Aber wie ich gesagt hatte, beruhigte mich das schon, hier so mit ihr sitzen zu können, ohne dass ihr Schützling dafür draufging, weil sie nicht bei ihm war, obwohl sie es hätte sein müssen.
Bei ihrer Frage nickte ich erst nur, doch da sie noch wissen wollte, was für Sachen ich verkaufte, schürzte ich kurz überlegend die Lippen und schaute hinaus in den Regen. „Alles Mögliche eigentlich. Alles, was alt ist, hübsch oder interessant, und sich immer noch verkaufen lässt. Also von alten Büchern über Vasen und dekorativen Figuren, Gemälden über Kästchen, Spieluhren, Schmuck und Besteck bis hin zu alten Spielzeugen. Manches davon hab ich öfter, manches seltener. Aber einen eigenen richtigen Laden hab ich nicht, nee. Das könnte ich mir nicht leisten. Ich hab die Sachen in meiner Wohnung und inseriere sie im Internet oder in der Zeitung oder mache da manchmal Werbung.“
Man konnte mir ohne Weiteres anmerken, dass ich wirklich gerne Zeug sammelte und verkaufte, denn mein Gesichtsausdruck war heiter geworden und ich lächelte. Ich hatte vorher zwar auch kein langes Gesicht gezogen, aber es war halt schon ein Unterschied.
„Äh, ja!“, bestätigte ich, als Esther dann der Bedienung erklärte, was wir haben wollten, und sich jetzt auch endgültig für die Waffel mit Erdbeeren entschied. Ich hoffte, dass es gute Erdbeeren waren. Im Winter hatten die manchmal welche, denen man anmerkte, dass sie im Gewächshaus gewachsen waren. Also, nicht speziell dieses Café, aber außerhalb der Erdbeersaison war das halt oft so. „Nein, für mich nichts sonst, aber könnten Sie dann vielleicht zu der Waffel zwei Gabeln bringen?“
Erfahrungsgemäß konnte man Café-Waffeln nicht auf die Hand nehmen und essen, und bevor Esther und ich uns mit dem Essen abwechseln mussten, waren zwei Gabeln praktischer.

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Uriel

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