Life's a gamble

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Life's a gamble

Beitrag  Brady am Mi 16 Mai 2018 - 20:36

Kneipe in der Siedlung, Vergangenheit

Leicht angeheitert saß der Untote in seiner Stammkneipe, mit einigen anderen Personen an einem ovalen Tisch. Ein paar Mal im Monat wurde sich hier dem mehr oder weniger professionellen Glücksspiel gewidmet und der Schuppen daher für Gäste, die an solchen Aktivitäten kein Interesse hegten, ausnahmsweise früher geschlossen. Der Laden machte dadurch keinen Verlust, im Gegenteil – der Gastwirt sicherte sich einen Anteil am Pot und schenkte allein durch Bradys Anwesenheit eine ordentliche Menge an Alkohol aus. Das Spiel wurde eher in einer zwanglosen Atmosphäre und lockeren Runde ausgetragen, dennoch wurde selbstverständlich um reales Geld gepokert. An einigen Abenden haben bereits Summen im vierstelligen Bereich im Raum gestanden – meist beschränkte es sich aber auf niedrigere Beträge.
Abwartend nippte er an seinem Rum, während der Wirt noch hinter der Theke stand, mit einem Auge zur Tür linsend. Da es noch früh war, fehlten ihnen noch einige Mitspieler, die hoffentlich bald ihren Hintern hierher bewegen würden. Für gewöhnlich bestand die Gruppe aus den üblichen Verdächtigen, da unbekannte Gesichter entweder nicht eingeweiht waren oder sich nicht fürs Kartenspiel begeistern konnten. Den Jägern konnte Brady den fehlenden Enthusiasmus nicht verdenken. Soweit er wusste, lebten die meisten von ihnen von der Hand in den Mund und konnten es sich nicht leisten ihren hart erarbeiteten Lohn zu verprassen. Das war wohl einer der Gründe, wieso sich heute Abend größtenteils Ladenbesitzer oder alteingesessene Siedlungsanwohner in der Kneipe einfinden würden. Man könnte sie als Snobs bezeichnen, aber niemand wollte mit einem Teilnehmer spielen, der bloß Kleingeld setzte und entsprechend wenig zu verlieren hatte. Wo blieb da der Kick?
Kaum eine halbe Stunde später waren die Stühle besetzt, bis auf einen freien Platz. Der Wirt schenkte der Runde noch einmal nach, bevor er sich daran machen würde die Karten zu mischen. Da hier ein halbwegs professionelles Umfeld gemimt wurde, übernahm der Kneipenbesitzer die Rolle des Dealers, statt es den Spielern selbst zu überlassen. Ein wenig dick aufgetragen, wenn es nach dem Widergänger ging, aber wenn der ältere Herr meinte – war schließlich nicht Bradys Lokal. Bisher kein unbekanntes Gesicht, was fast schon eine Spur Enttäuschung bei ihm hervorrief. Bloß die üblichen geldgierigen Aasgeier, deren Tricks er bereits auswendig kannte. Die Elfe aus dem Inn konnte er nicht vom Pokerspiel überzeugen, obwohl er es ihr mehr als einmal vorgeschlagen hatte. Wahrscheinlich war sie einfach zu ehrlich und zugegebenermaßen zu schlecht im Bluffen. Brady verschränkte die Arme vor der Brust und warf einen Schulterblick in Richtung Eingangstür. Ob noch irgendwer auf den letzten Drücker kommen würde?

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Re: Life's a gamble

Beitrag  Shion am Mi 16 Mai 2018 - 22:22

Summend schlenderte Shion die Strasse runter und ihre Umhängetasche hüpfte fröhlich mit. Sie war voll mit Geldscheinen und Münzen, die mit jedem Schritt, den die Hexe machte, kurz klimperten. Das Handy stimmte irgendwann in das Klimperkonzert mit ein und Shion blieb erschrocken stehen. Der Zuckerwattenkopf schluckte schwer - wie ein Kind, das beim Süssigkeitenstehlen erwischt wurde - und zog das Handy aus der Tasche. Ich weiss, dass du Geld aus der Kasse genommen hast! Bring es sofort zurück oder ich verpetze dich bei Kenta! - "Pfft...", kommentierte die Hexe die Nachricht und grinste ihr schelmisches Lächeln, während sie mit dem Handy in der Hand weiterlief. Kaede wusste nicht wo sie war und Kenta befand sich in Capital City. Selbst wenn sie verpetzt werden würde, könnte er nichts unternehmen.

Doch was hatte die Hexe nur vor? Shion scrollte eine Weile in ihrer Kontaktliste herum und es dauerte eine Weile, bis sie die gesuchte Nummer fand. Für eine Weile erklang das monotone tuuuut~, bis endlich jemand abnahm. "Hallo, Shion hier! Habt ihr die Runde schon begonnen? Sorry, dass ich etwas spät bin, aber ich war noch... beschäftigt." Für einen Augenblick verstummte sie und hörte ihrem Gesprächspartner zu. "In Ordnung, bin gleich da! Stell schon mal ein Bier für mich bereit!" Ihre Schritte wurden nun etwas zügiger - ja sie hüpfte fast schon fröhlich die Strasse entlang, als ob sie sich auf irgendetwas Bestimmtes freute. Angepeilt wurde dabei eine Kneipe, die eigentlich geschlossen war. Zumindest hing ein "Geschlossen"-Schild an der Tür. Jedoch fiel ein dämmriges Licht durch das Fenster nach draussen - als ob man vergessen hatte, ein paar Lampen auszuschalten. Shion ging jedoch ganz zielstrebig auf die Tür zu und klopfte kurz.

Da keiner öffnete, kramte sie wieder ihr Handy hervor und ging zum Fenster, um reinzulinsen. Sie erkannte an der Theke den Wirt und klingelte wieder auf sein Handy, während sie gleichzeitig an der Fensterscheibe klopfte. Ihr Blick schweifte kurz zum Tisch, der als einziges beleuchtet wurde und dann wieder zurück zum Wirt, der endlich reagierte und ihr die Tür aufmachte. Man tauschte eine herzliche Begrüssung aus und der Wirt watschelte zurück zur Theke, um ihr Bier zu holen. Shion ging inzwischen auf den Tisch mit den düsteren Gestalten zu. Da das Licht etwas dämmrig war, erkannte sie die Gesichter nicht so genau. Die meisten wirkten jedoch recht suspekt, aber die Hexe war sich daran gewöhnt. Kenta sah ja auch aus wie einer von der Mafia und war eigentlich ganz weich im Kern. Vorurteile hatte sie nicht. Nichtsdestotrotz wirkte sie mit ihren pinken Löckchen etwas Fehl am Platz.

"Guten Abend die Herren! Ich heisse Shion. Gunther hat mir von euren Pokerabenden erzählt und mich eingeladen. Mir gehört pandora's box, falls euch das was sagt. Freut mich!" Nach ihrer kurzen Vorstellung lächelte sie ihr typisches, strahlendes Shion-Lächeln und setzte sich an den leeren Platz, als Gunther mit ihrem Bier kam. Nach einem fröhlichem und langgezogenem "Daaankeschön~", nahm sie einen grossen Schluck und seufzte glücklich auf, ehe sie wieder in die Runde schaute und auf eine Reaktion wartete.


Zuletzt von Shion am Mo 21 Mai 2018 - 3:46 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet

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Re: Life's a gamble

Beitrag  Brady am Sa 19 Mai 2018 - 18:52

Aus den Augenwinkeln sah Brady den Wirt ans Telefon gehen und mit irgendwem offenbar über diese Pokerrunde sprechen. Genau konnte er es nicht verstehen, da die anderen Anwesenden gerade über irgendeinen perversen Witz lachten, den er schon mindestens dreimal an vorherigen Abenden gehört hatte. Am liebsten hätte er ihnen reingedrückt, dass es nicht lustiger wurde, je öfter man es erzählte, aber er blieb reserviert. Er hatte keine Lust jetzt schon für Stress und schlechte Luft zu sorgen, wo der Abend doch gerade erst angefangen hat.
Stattdessen sah er zum Wirt herüber, der sein Telefonat beendete und sich gemächlich daran machte ein frisches Bier zu zapfen. Da niemand eins bestellt hatte und Gunther selbst während dieser Abende nichts trank (jemand musste nüchtern bleiben), war scheinbar ein weiterer Mitspieler unterwegs. Die Augen nachdenklich zu schmalen Schlitzen verengt, sah Brady erneut zur Tür. Wer auch immer keine Uhren lesen konnte und sich anscheinend gern alle Zeit der Welt ließ, sollte mal einen Zahn zulegen und seinen trägen Arsch in die Kneipe bewegen.
Es vergingen wenige Minuten, bevor das Telefon erneut klingelte. Noch ein Mitspieler oder der von vorhin? Langsam enervierte es ihn, dass diese Person es offenbar nicht auf die Reihe bekam hier aufzutauchen. Er war eigentlich ein relativ geduldiger Untoter, aber es war doch nicht so schwer pünktlich zum Pokern zu kommen. Oder hat sich die Person in einer Siedlung mit gefühlt zwei Hauptstraßen verlaufen? Brummend schloss er für einen Moment die Augen, als die Tür aufgeschlossen wurde und der letzte Teilnehmer die Kneipe betrat. Da es ihn nicht gerade brennend interessierte, welcher geldgierige Geier sich denn noch entschlossen hat am Vergnügen teilzunehmen, behielt er die Augen geschlossen – bis eine weibliche Stimme begann kurz mit Gunther zu plaudern und sich schließlich allen Anwesenden vorzustellen.
Brady öffnete die Augen, schielte mit vorgetäuschtem Desinteresse zum Neuankömmling. Pandora’s Box. Das war doch der Ramschladen, bei dem Brady sich nach wie vor fragte, wie dieser sich eigentlich in der Siedlung hielt. Die Reaktionen waren überwiegend hochgezogene Augenbrauen, vereinzeltes Lachen und einstimmige Skepsis, was das Können der neuen Teilnehmerin betraf. Ein Kerl – er hatte schon gepfiffen, als sie hereingekommen war – konnte nicht aufhören zu starren. Wenn er glotzen musste, sollte er das wenigstens unauffällig machen. „Sabber nicht gleich den Tisch voll. Wenn du gaffen willst, bist du im falschen Schuppen“, merkte Brady trocken an. Er kassierte einen wütenden Blick und ein verächtliches Schnauben dafür, aber das war es ihm wert. Er wollte einfach nur Kartenspielen, mit Leuten, die bei voller Konzentration waren.
Gunther sagte nichts speziell dazu, wendete sich aber einmal an die vollzählige Runde. „Der Mindesteinsatz beträgt heute wie gewohnt einhundert Lién. Sind alle damit einverstanden?“ Eher eine rhetorische Frage, denn wer damit nicht einverstanden wäre, wäre nicht hier. Brady schob einen kleinen Stapel Chips in die Tischmitte – alle anderen Männer taten es ihm gleich. Aus dem Augenwinkel beobachtete er Shion, versuchte sie und ihre Spielweise vorab einzuschätzen. Da sie drei Plätze weiter und in etwa schräg gegenüber saß, hatte er eine ganz gute Sicht auf sie, ohne den Kopf groß drehen zu müssen.

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Re: Life's a gamble

Beitrag  Shion am Di 22 Mai 2018 - 7:12

Willkommensein fühlte sich wohl anders an. Vereinzelt stellten sich einige der anderen Spieler vor, während der Grossteil am Tisch ihre (eigentlich doch ganz herzliche) Begrüssung eher mit misstrauischen Blicken oder spöttischem Grinsen, ja sogar Lachen kommentierte. Nun, sie war ja auch neu in der Runde und von dem was Gunther ihr erzählt hatte, waren Neuankömmlinge hier nicht oft anzutreffen. Doch Shion störte sich nicht gross daran. Nur die Blicke des Gaffers, dessen Pfiff sie schon beim Betreten der Kneipe gehört hatte, wurden inzwischen etwas unangenehm. Normalerweise empfand sie es ja als Kompliment, wenn man ihr nachschaute – in ihrem Alter war das schliesslich keine Selbstverständlichkeit mehr und zugegeben, die etwas eitle Hexe hatte einen ziemlich ausgeprägten Komplex, wenn es um ihr Alter ging. Aber die Art und Weise machte es aus. Es war schon beinahe entblössend, so wie sie von dem Lustmolch angestarrt wurde. Sie war schliesslich kein Tier in einem Zoogehege. Dass sie aber auch nie Glück mit Männern hatte... Als das Pinklöckchen ihren Bierkrug nach einem weiteren grossen Schluck abgestellt hatte, war sie schon dabei den Kerl zurechtzuweisen, als ihr jemand anderes zuvorkam.

Shion musste ihr prustendes Lachen unterdrücken, als der Kerl ein zorniges Schnauben von sich gab. Belustigt und mit einem breiten Grinsen sah sie kurz zu ihm rüber – was ihn nur noch wütender machte – und liess ihren Blick dann neugierig zum Typ schweifen, der den Gaffer blossgestellt hatte und ein paar Sitze weiter neben ihr sass. Da dieser seine Augen von ihr abgewendet hatte, konnte sie keinen Blickkontakt herstellen. Sie wusste noch nicht einmal wie er hiess. Noch... Die Hexe nahm sich vor, ihn später als Dankeschön auf eine Runde einzuladen. Da das Licht nicht hell genug war, konnte sie ihn nicht wirklich gut erkennen. Was das wohl für komische Flecken waren, die der Arme da unter den Augen und um den ganzen Halsbereich sowie auf der unteren Gesichtshälfte hatte? Verbrennungen? Gunthers Stimme lenkte Shions Aufmerksamkeit jedoch schnell wieder auf das Spiel zurück und wie die anderen, spickte sie ihrerseits ein paar Chips in die Tischmitte. Ein Funkeln lag dabei in Shions Augen, der wohl nichts Gutes verhiess. Let the games begin... wobei nein, falscher Film.

Das Funkeln in Shions Augen erlosch jedoch ziemlich schnell. Ihr Grinsen wurde immer ein bisschen kleiner – gleichzeitig auch der Haufen Chips in ihrem Besitz, der mit jeder weiteren Runde schrumpfte. Ihr Glück im Gambling war etwa genauso gross wie ihr Glück mit Männern – also so gut wie nicht existent. Ihre Karten waren allesamt schlecht. In Kombination mit ihren noch schlechteren Entscheidungen half auch ihr Pokerface nichts. Denn ihre Taktik wurde wohl von den anderen Spielern schnell durchschaut. Immerhin schienen sich die meisten jedoch an ihr zu amüsieren und zogen sie lachend auf, wenn sich die Hexe bei einer weiteren Niederlage die Haare raufte. Ihre pinken Löckchen waren schon ganz zerzaust und sie war bereits längstens von Bier auf härtere Drinks umgestiegen. Wohl eher kontraproduktiv, doch in irgendetwas musste die Hexe ihren Frust ja ertränken. „Gunther! Du mieses Schwein has mir nich gesagd, dass hier alle so gut sin’. Ich hab’ gedacht, wir sin’ Freunde! Ich künd’ dir die Freun’schaft! Jawohl!“, lallte Shion und warf dem Wirt einen vernichtenden Blick zu, als sie wieder eine Runde verloren hatte. „......Ausser du gibs’ mir nen Freun’schaftsrabatt aufs Tab“, fügte sie dann nach kurzem Überlegen lächelnd hinzu. Schallendes Gelächter erklang und Shions Sitznachbar klopfte ihr tröstend, wenn auch etwas grob, auf die Schulter. „He! Aua! Ich bin immer noch ’ne Dame! Schmerzensgeld! Ich verlang’ Schmerzensgeld!“, jammerte die Hexe theatralisch und fasste sich an die Schulter. Nicht, dass sie tatsächlich eine Entschädigung erwartete; sie übertrieb nur gern ein wenig. Eigentlich war sie gar nicht so wirklich sauer oder geschockt. Die unbeschwerte und etwas zu sorglose Hexe hatte nicht zum ersten Mal Geld in dieser Höhe verspielt. Bisher hatte sie nur die Möglichkeit in Capital City gehabt, da es in der Siedlung nicht so viele Spielhäuser gab und Kaede sie immer genug früh aufstöbern konnte. Dank Gunther konnte Shion ihr Geld nun aber auch während ihrer Zeit in der Siedlung verzocken. Wohl ein Grund, warum die Hexe trotz Geldsucht nie reich werden würde. Zwar tat es ihr etwas weh, ihr Geld nun in fremden Händen zu wissen, doch sie konnte immer noch über ihre eigenen Fehler und sich selbst lachen. Noch...

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Re: Life's a gamble

Beitrag  Brady am Di 29 Mai 2018 - 17:25

Sobald das Spiel seinen Lauf nahm, war die Anwesenheit der neuen Teilnehmerin, zumindest was Brady anging, in den Hintergrund gerückt. An diesem Tisch begegnete man sich auf Augenhöhe und es spielte keine Rolle, ob man bereits seit fünf Jahren mit von der Partie war oder eben erst seit heute Abend. Der Untote dachte nicht im Traum daran, sich von der hübschen Pinkhaarigen ablenken zu lassen und dafür sein Pokerface zu vernachlässigen. Wahrscheinlich war er da in der knappen Unterzahl, denn einige der Kerle, die normalerweise hochkonzentriert bei der Sache waren, riskierten immer wieder flüchtige Blicke in Shions ungefähre Richtung. Brady war sich unschlüssig, ob das nun positiv für ihn war, weil er dadurch bessere Chancen auf einen fetten Gewinn hatte, oder doch eher negativ, weil seine Mitspieler mit den Gedanken auf Abwege kamen. Er entschloss sich letztlich dafür die Blicke der Anderen auszublenden und sich auf seine Karten zu konzentrieren, um die es hier heute schließlich ging. Klar, man sozialisierte bis zu einem bestimmten Maße, aber für ihn lag das Zocken im Fokus.
Wenige Stunden später und eine ganz andere Atmosphäre als sonst lag in der Luft. Normalerweise herrschte überwiegend Stille, einige Witze und barsche Bemerkungen hier und da, aber man hielt sich für gewöhnlich zurück mit den Konversationen. Mit gehobenen Augenbrauen verfolgte Brady den überaus emotionalen Ausbruch der Neuen, der ihn ein wenig an seine Geduldsgrenze brachte. Es hatte sich herausgestellt, dass sie nicht nur eine furchtbare Spielerin war, sondern auch noch ein riesiger Pechvogel im Kartenspiel. Beides kombiniert mit ihrem alkoholisierten Zustand und der Ausgang des Abends war für sie leicht abzusehen. Die hundert Lién Starteinsatz würde sie jedenfalls nicht wiedersehen. Vielleicht hätte sie sich eher beim Kabarett bewerben sollen, statt bei der Pokerrunde, so wie sie ihre Frustration in Szene setzte und heiteres Gelächter erntete.
Schweigend ließ der Untote einen Spielchip auf dem Tisch drehen wie einen kleinen Kreisel. Ihm war Fortuna heute hold und er hatte den Mindesteinsatz schon längst wieder reingeholt, plus einen nicht zu verachtenden Bonus. Er könnte nach dieser Runde aussteigen und glücklich und zufrieden nach Hause gehen, aber er hatte das Bedürfnis den Abend bis zum Ende mitzuverfolgen. Vielleicht konnte noch eine überraschende Wendung miterleben. Möglicherweise hatte Shion ein Ass im Ärmel und legte nächste Runde ein Royal Flush. Das wäre zumindest in dieser kleinen Gruppe eine Prämiere und eine ziemlich amüsante Vorstellung in Anbetracht ihres bisherigen Pechs.
Gunther verkündete, dass sie langsam zum Ende kommen sollten, was üblicherweise bedeutete, dass noch ein oder zwei Runden gespielt wurden und dann offiziell Schluss war. Wenn man danach noch privat weiterspielen wollte, konnte man das tun, aber dann in einer anderen Location. „Warum so früh, Gunther?“ Brady hörte auf den Chip um die eigene Achse drehen und lassen und schnipste ihn stattdessen in die Mitte. „Damit die Prinzessin nicht ausversehen ihren Laden verzockt? Als Barry damals sein letztes Hemd hergeben musste, warst du auch nicht so parteiisch.“ Ein Kerl mit Augenklappe fühlte sich angesprochen und brummte etwas Unverständliches, während die anderen Männer offenbar an jenen Abend zurückdachten und schadenfroh glucksten. Brady warf Shion einen Blick zu, den man noch am ehesten als herausfordernd bezeichnen konnte. Sie sollte nicht davon ausgehen, dass er irgendwelche Sympathien für sie übrig hatte, nur weil er vorhin den Gaffer ermahnt hat. Nachdem Gunther das mit einem Lachen und irgendeiner trivialen Bemerkung über ‚Welpenschutz‘ quittiert hatte, wurden erneut die Karten ausgeteilt. Verdammt, das musste Karma sein. Brady hatte ein miserables Blatt und das auch noch im Endspurt. Er ließ sich zwar nichts anmerken, schielte aber flüchtig zu Shion rüber. Durchs Bluffen könnte er immer noch gewinnen – wie sah es bei ihr wohl aus?

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Re: Life's a gamble

Beitrag  Shion am Di 5 Jun 2018 - 17:36

Allmählich wurde Shion etwas ruhiger. Nach der Spieleuphorie stellte sich bei ihr in der Regel die ernüchternde Erkenntnisphase ein. Die Erkenntnis, dass sie wieder einmal Mist gebaut bzw. viel Geld verspielt hatte und Zuhause wohl ein nicht so freundliches Begrüssungskomitee auf sie warten würde. Auf der anderen Seite dürfte wohl auch Gunther für die Rückbesinnung der Hexe verantwortlich sein, da er dem Pinklöckchen seit geraumer Zeit statt Alkohol Wasser zum Trinken gegeben hatte – trotz lautem Protest seitens Shion. Etwas nüchterner, aber immer noch beschwipst genug, verfolgte sie mit halbem Ohr, wie Gunther das baldige Ende des Abends ankündigte – zumindest würde der Pokerabend in seiner Kneipe zu Ende sein. Die Hexe wollte wieder laut protestieren, als der Typ, der den Gaffer zurechtgewiesen hatte, ihr wieder einmal zuvorkam. Für einen Augenblick gluckste sie mit den anderen Herren mit, auch wenn sie am besagten lustigen Abend nicht mit dabei war. Doch bei der Vorstellung eines (halb-)nackten Barrys konnte sie nicht anders als mitzulachen – auch wenn ihr selbst im Moment gar nicht so nach Lachen zumute war. Sie erinnerte sich selbst wieder daran, dass sie wohl die Möglichkeit verpassen würde, wenigstens einen Teil des verlorenen Geldes wieder zurückholen, wenn Gunther schon so früh den Abend beenden würde.

Der etwas düstere Typ mit den seltsamen Flecken hatte Shions Aufmerksamkeit wieder auf sich gelenkt. Dadurch, dass er während des Spiels eher ruhig war, hatte das Pinklöckchen – vor lauter Sorgen um ihr Geld – seine Anwesenheit fast wieder vergessen. Wie haben ihn die anderen wieder genannt? Bardy? Brad? Bradley? Jedenfalls wurde sie nicht wirklich schlau aus ihm. Eigentlich ging sie davon aus, dass die Sympathien auf Gegenseitigkeit beruhten, auch wenn sie bis jetzt kein direktes Wort miteinander gewechselt hatten; immerhin hatte er den Gaffer zurechtgewiesen. Doch der beissende Unterton in seiner Stimme ist ihr natürlich nicht entgangen. Zumindest konnte sein herausfordernder Blick wohl kaum als Freundschaftseinladung gedeutet werden. Shion zog ihre Augenbrauen kurz nachdenklich zusammen, sodass einige Falten und Gruben sich in ihrer Stirnregion bildeten. Es war das erste Mal, dass sie Blickkontakt hergestellt hatten – und irgendwie hatte sie eine etwas freundlichere Atmosphäre erwartet. Sie widerstand dem kindischen Drang seinen herausfordernden Blick mit zusammengekniffenen Augen zu erwidern oder ihm die Zunge entgegenzustrecken. Stattdessen lockerte sie ihre Gesichtszüge wieder und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln, während sie die ausgesteilten Karten entgegennahm. "Keine Sorge, ich verzock’ meinen Laden schon nicht... Dann noch eher meine Bluse und meinen Rock. Hab’ heute sowieso meine bequeme Oma-Unterwäsche an. Die würde selbst ihn, ihr Blick schweifte kurz zum Gaffer, „abturnen. Barry sieht da in Unterwäsche bestimmt besser aus..“ Sie nickte sich selbst zustimmend zu. Ein letztes Fünkchen Kampfgeist leuchtete in ihren Augen. Sie würde die Herausforderung annehmen. Sie hatte ein gutes Blatt. Ein sehr gutes sogar.

Einige waren bereits während dem Pre-Flop ausgestiegen und sie befanden sich nur noch zu dritt in der vierten Wettrunde: der Gaffer, der stumme Typ mit den Flecken und Shion. Vorsichtig liess die Hexe ihren Blick über die zwei übrig gebliebenen Mitspieler gleiten und erwischte gerade noch so Bardy/Brad/Bradley dabei, wie seine Augen kurz auf ihr ruhten. Etwas misstrauisch lehnte die Hexe ihren Kopf zurück und kniff ihre Augen zusammen. Warum starrte er sie so an? Wusste er etwa – wie auch immer – von ihren guten Karten? Wenn ja, dann wäre er doch bestimmt schon früher ausgestiegen – ausser er hatte eine bessere Hand als sie...?! Shion wurde nur noch nervöser und trommelte unruhig mit ihren Fingern auf die zwei verdeckten Karten vor ihr. Genau in diesem Moment fing ihr Handy auf dem Tisch an zu vibrieren und das Pinklöckchen erstarrte, als hätte sie versehentlich Medusa in die Augen geschaut. Das Trommeln hatte sie abrupt gestoppt und ihre Finger verkrampften sich in der Luft. Wie ein Neonschild aus Las Vegas leuchtete das Display und zeigte den Namen ‚Kenta(rsch)’ an sowie das Bild eines furchteinflössenden Mannes (Kenta war nicht sonderlich fotogen und wirkte auf jedem Foto wie ein Schwerverbrecher). „Willst du nicht abnehmen?“, fragte ihr Sitznachbar und starrte neugierig auf das Handy. „Dein Freund oder sind das Leute aus dem Untergrund?“ – Schluckend schüttelte Shion den Kopf. „Ich will darüber nicht reden...“, murmelte sie leise und steckte das Handy in ihre Tasche. Ihr Gesicht war ganz bleich geworden; als hätte sie einen Geist erblickt, der ihren baldigen Tod vorhergesagt hatte. Kopfschüttelnd seufzte Gunther auf. „He, steckt die Kleine in Schwierigkeiten?“, flüsterte Barry dem Wirt fragend zu. „Ich bin mir nicht sicher. Das letzte Mal als sie hier war, hatte sie irgendetwas gesagt, von wegen, dass sie alleinerziehende Mutter von drei Kindern sei. Dachte, dass sie sich nur vor der hohen Rechnung drücken wollte... aber ich vermute mal, dass das vorhin ihr Ex-Mann sein könnte?“, antwortete Gunther gedämpft.

Die meisten am Tisch hatten ihren Blick neugierig auf die Hexe gerichtet, die nun unruhig das Handy ausschaltete, das nun zum zweiten Mal klingelte. Gunther räusperte sich kurz. Ein Zeichen, dass der Gaffer zu seiner linken Seite weitermachen sollte. Ja, Shions Hand war wirklich nicht schlecht. Herz- und Pik-König lagen verdeckt vor ihr und offengelegt auf dem Tisch Karo- und Kreuz-König. Ein four of a kind also. Damit würde sie nicht mit ganz leeren Taschen nach Hause gehen müssen. Doch der Blick des anderen Typen hatte sie verunsichert. Vielleicht hatte er eine noch bessere Hand? Der Gaffer war ja auch noch da. Wenn sie jetzt ausstieg, würde sie immerhin nicht mit ganz leeren Taschen heimkehren, aber sollte sie gewinnen... dann wäre ihre Tasche ja sogar noch ein wenig voller. Nur würde sie dann riskieren, dass sie bei einer Niederlage mit ganz leeren Taschen heimkehren müsste... Das Abwägen ihrer Gewinnchancen und den damit einhergehenden Folgen machten sie beinahe wahnsinnig und sie raufte sich abermals frustriert durch ihren rosa Bob.

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Re: Life's a gamble

Beitrag  Brady am Sa 9 Jun 2018 - 12:16

Brady war sich unschlüssig, wie er ihr Grinsen interpretieren sollte, oder ob es überhaupt einer Interpretation bedurfte. Immerhin war sie schon den ganzen Abend über heiter und sehr expressiv, was ihre Mimik anging. Von einem Pokerface konnte da nicht die Rede sein und er vermutete auch nicht, dass sie es absichtlich tat, um ihre Mitspieler hinters Licht zu führen. Natürlich konnte der erste Eindruck täuschen, aber so clever wirkte sie ehrlich gesagt nicht. Also erwiderte Brady zwar ihren Blick, allerdings nun gespielt desinteressiert und darum bemüht, seine Neugier über ihre Karten nicht durchscheinen zu lassen. Wenn der Untote etwas gut beherrschte, war es das Vortäuschen von absolut authentischer Teilnahmslosigkeit – passte aber auch irgendwie zu seinem düsteren Erscheinungsbild, fand er. „Tut er nicht, glaub mir“, kommentierte er noch schnell Shions Aussage über einen halbnackten Barry und konnte sich dabei ein flüchtiges Schmunzeln nicht verkneifen. An jenem Abend hat er es als gar nicht so lustig empfunden, als Barry hackedicht und mit heruntergelassener Hose anfing auf den Tischen zu tanzen, aber rückblickend war es doch ganz amüsant. Der arme Kerl konnte nicht anders, als sich bei jeder ihm bietenden Gelegenheit zu blamieren.
Überraschenderweise kam Brady mit seinem furchtbaren Blatt ziemlich weit – die meisten waren bereits ausgestiegen. Hatten vielleicht Schiss ihren mühsam erspielten Gewinn in der letzten Runde zu verlieren oder hatten einfach keine Motivation mehr. Er regte sich oft darüber auf, wie schnell die Kerle hier schlapp machten, aber er neigte auch dazu zu vergessen, dass Menschen müde wurden und er eben nicht. Wenn es nach Brady ging, könnten sie die ganze Nacht hier sitzen und spielen, bevor er pünktlich zum Sonnenaufgang seinen Laden öffnen würde. Noch verwunderlicher, als sein glücklicher Verbleib im Spiel, war Shions Glückssträhne. Jedenfalls war sie immer noch dabei – entweder sie klammerte sich verzweifelt an ihr mittelmäßiges Blatt, um wenigstens die letzte Runde zu gewinnen oder sie hatte tatsächlich gute Karten. Bei den anderen Mitspielern hätte Brady es einschätze können, aber da sie neu war, hatte er keinen Schimmer. Ihre nervösen Fingerbewegungen ließen ihn eher auf ersteres Tippen – also bluffte sie auch? Oder tat sie nur so, als würde sie bluffen, weil sie wusste, dass er bluffte? Verdammt. Er nahm einen großzügigen Schluck Rum zu sich, als plötzlich ein Mobiltelefon vibrierte.
Er zuckte leicht zusammen, weil das Geräusch aus dem Nichts kam, und hoffte, dass es niemandem aufgefallen war. Aber da praktisch alle Anwesenden neugierig zu Shion sahen, entspannte er sich und linste ebenfalls in ihre Richtung. Was war denn so wichtig, dass man dafür das Spiel unterbrechen musste? Barry und Gunther flüsterten wohl nur aus Höflichkeit, da sie trotzdem jeder im Laden hören konnte, der nicht an einer Hörschwäche litt. Kinder? Ex-Mann? Brady interessierte sich herzlich wenig für die Gerüchteküche um das Pinklöckchen. Normalerweise hätte er auch keinen weiteren Gedanken daran verschwendet, wäre ihr Gesichtsausdruck nicht so betroffen und fast schon angsterfüllt. Kurz fragte er sich, ob das möglicherweise Teil eines Plans war, aber er konnte sich nicht vorstellen, was ihr das bringen sollte. Während er den Zug des Gaffers abwartete, betrachtete Brady seine eigenen Karten. Ein Paar bestehend aus zwei Buben – mit so einer Hand zu gewinnen, wäre fast schon unfair. Nicht, dass er sich groß um Fairness scherte. Der Gaffer überlegte etwas zu lange – hatte vermutlich auch keine gute Hand – und schob schließlich, mit einem hämischen Grinsen, einen beachtlichen Einsatz in die Mitte. Wenn Brady jetzt mitging und der Gaffer doch ein gutes Blatt hatte, würde er einen gewaltigen Verlust machen.
Dennoch schob der Untote seine Chips in die Mitte und provozierte damit ein wütendes Schnauben des Gaffers. „Ja leck mich doch, ich bin raus!“ Die Karten landeten auf dem Tisch, der Mann lehnte sich offensichtlich schlecht gelaunt zurück und zündete sich eine Zigarette an. Damit waren nur noch Shion und Brady im Spiel. Wenn sie eine gute Hand hatte, warum sah sie dann so frustriert aus? Kam sie mit dem Druck nicht klar? Für Brady war das Spiel nur ein netter Zeitvertreib, er hatte nichts zu verlieren. Selbst wenn der ganze Pot nun an Shion ginge, wäre es für ihn kein Drama. Brady ertappte sich selbst dabei, wie er sich erhoffte, dass ihr nächstes Zug kein Fold sein würde. Irgendwie wollte er sie nicht mit einem Bluff aus dem Spiel zwingen, obwohl das einen fetten Gewinn für ihn bedeuten würde. Hatte er ernsthaft ein schlechtes Gewissen und Mitleid, weil sie den ganzen Abend über die Arschkarte(n) gezogen hat? Schweigend nippte er an seinem Drink und wartete auf ihren Zug.

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Re: Life's a gamble

Beitrag  Shion am Fr 10 Aug 2018 - 5:49

Wenn es um Geld ging, konnte Shion das Blaue vom Himmel herunter lügen. Die einzige Ausnahme war das Gambling... auch wenn sie es leider noch so gerne tat. Hier war das Glück ihr nicht hold und mit Zahlen, Zählen und Rechnen hatte sie es sowieso nicht wirklich. Shion interessierten nur die ansteigenden bzw. abnehmenden Ziffern in ihrem Bankkonto. Die mühsame Kopfarbeit überliess sie lieber anderen. Neben dem fehlenden Glück war es wohl auch der Druck, der ihren Kopf nur schlecht funktionieren liess. Verlor man das Geld beim Gambling war es weg. Dass Kenta ihr nun auf den Fersen war – wenn auch nur telefonisch – war auch nicht sonderlich hilfreich. Erst als der Gaffer sich entschied, kurzfristig auszusteigen, schien die Welt der rosahaarigen Hexe wieder ein wenig schöner zu werden. Ihr Blick wanderte zu ihrem letzten verbliebenen Kontrahenten rüber. Nachdenklich wog sie einer der wenig übrig gebliebenen Chips in ihrer Hand, sah zur ihren Karten runter und wieder zu Brady hoch; nippte an ihrem Wasser – wenn auch nur widerwillig, weil sie eigentlich lieber etwas Hochprozentiges hätte. Etwas verärgert rümpfte Shion die Nase, als sie die fade Flüssigkeit runterschluckte. Vielleicht war sie auch ein wenig verärgert über ihren stummen und unbewegten Gegner, aus dem sie nicht wirklich schlau wurde. Wohl ein geborener Pokerspieler. War die Gelassenheit, die an Resignation und Gleichgültigkeit grenzte, ein Bluff oder gehörte das zu seinem Habitus? Viel wahrscheinlicher nahm er wohl einfach an, dass sie wieder ein schlechtes Blatt hatte. Er wähnte sich wohl in Sicherheit, aber... was wenn nicht? Was wenn er tatsächlich eine gute Hand hatte. Shion rieb sich die Schläfen und gab ein tiefes Seufzen von sich. So lange hatte sie bisher bei keiner ihrer Züge auf sich warten lassen. Eigentlich war Shion eher dafür bekannt, dass sie wenig überlegte und lieber zuerst handelte, als ihre Züge wohlüberlegt zu machen... wobei diese Lebenshaltung auch ausserhalb des Gamblings zu finden war.

Ihre Frustration und das lange Warten durfte Bradley.. Brad.. wie auch immer er hiess, gerne als Bluff interpretieren. Doch so viel wie für sie auf dem Spiel stand, war das wohl eher eine natürliche Reaktion gewesen. Nun, sie hatte ja auch noch immer nicht die Möglichkeit ausgeschlossen, dass ihr Gegner mehr Glück als sie hatte. Dass sie gute Karten in den Händen hielt, hiess ja noch lange nicht, dass das ihr Gegenüber nicht tat. Aber was hatte sie schon zu verlieren? Na ja, eigentlich so ziemlich alles. Es unversucht lassen und aufzugeben kam jedoch nicht in Frage. Sie schnipste ein paar, der wenigen Chips, die ihr noch geblieben waren, in die Mitte. Call. Gunthers Miene blieb unbewegt, als er die nächste Gemeinschaftskarte aufdeckte. Die vier offenen Karten deuteten nun an, dass ein Straight oder sogar Royal Flush nicht auszuschliessen wären. Die Paranoia saugte sich in Shions Kopf fest, wie eine Zecke sich an ihrem Wirt. Ihre Augen starrten ausdruckslos zu den Karten. Sie wagte es sich nicht zu bewegen. Was Bradley konnte, konnte sie auch. Sie würde nun einfach auf seinen Zug warten. Sollte er einen weiteren Einsatz tätigen, würde sie jedoch aussteigen. Die paar wenige Chips, die vor ihr lagen, wollte sie nicht auch noch verlieren.

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Re: Life's a gamble

Beitrag  Brady am Mo 13 Aug 2018 - 14:21

Es wäre gelogen würde er sagen, dass es ihn nicht amüsieren würde, wenn er mit seinen schlechten Karten das letzte Spiel für sich entscheiden könnte. Er konnte sich die Frustration der Pinkhaarigen – Haare raufen und Fluchen – bereits bildlich vorstellen, vor allem, wenn sie ein vergleichsweise gutes Blatt in der Hand hatte. Beinahe wären ihm bei dieser Vorstellung die Mundwinkel entglitten und hätten sein Pokerface zunichte gemacht. Sie wägte ihren Zug ungewöhnlich lange ab, was von allen Beteiligten zwar unkommentiert blieb, doch war die Anspannung im Raum spürbar. Selbst diejenigen, die ihre Chance auf den Pot bereits verloren hatten, linsten gespannt in Richtung der neu aufgedeckten Karte auf dem Tisch. Brady warf einen flüchtigen Blick auf seine Karten, bevor er drei Chips mit je einem Finger ein paar Zentimeter zur Tischmitte schob. Er konnte nur eine Vermutung anstellen, doch er dachte, dass Shion ein mittelmäßiges oder gar unterdurchschnittliches Blatt hatte, während sie seine Karten überschätzte. Als wolle er diesen Gedanken durch einen prüfenden Blick auf ihre nervöse Miene bestätigen, schaute Brady von seinen Spielchips auf und scannte die Gesichtszüge der anderen Spielerin. Hoffentlich hielt sie nicht vor lauter Anspannung die Luft an. Hinterher lief sie noch blau an und kippte vom Stuhl und dann hatte Gunther den Salat. Bevor seine Chips den Einsatzstapel erreichten, hielt er in der Bewegung inne und verharrte für den Bruchteil einer Sekunde reglos.
Statt den Einsatz, wie geplant, zu erhöhen, deckte Brady mit seiner vernarbten Hand die Chips ab, um sie mit einer flüchtigen Geste zurückzuziehen. Würde Shion in der nächsten Runde aussteigen, wenn er den Einsatz erhöhte? Es sah zumindest ganz danach aus, als wäre sie nervlich bald am Rande ihrer Grenzen angelangt. Die Sekunden verstrichen und sein Zögern zog sich auffällig in die Länge, was Brady unter Zugzwang setzte, wobei er eine Entscheidung traf, die er normalerweise nicht getroffen hätte. Wortlos warf er die Karten verdeckt vor sich auf den Tisch – Fold. Der Gaffer fühlte sich offenbar verarscht von dieser Aktion, da er eine Runde zuvor noch durch eine Einsatzerhöhung aus dem Spiel gedrängt worden war und drückte mit mehr Nachdruck als nötig seine Zigarette aus. Gunther wirkte durch diesen Zug nicht minder überrascht, zwang sich jedoch zur Professionalität und erklärte, dass der gesamte Pot – immerhin über zweihundert Lién – an Shion ginge. Damit konnte Brady leben. Wie ihre Reaktion zu dem Gewinn wohl ausfiel? „Dann kann dein Mann ja heut‘ die Backen halten“, brummte er über den Tisch hinweg und leerte seinen vermutlich letzten Drink – zumindest in Gunthers Kneipe. War es überhaupt der Mann? Oder der Ex-Mann? Brady hatte dem Getuschel nicht richtig zugehört und selbst wenn, hätte er die Details inzwischen wieder vergessen.

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Re: Life's a gamble

Beitrag  Shion am So 19 Aug 2018 - 9:08

Shion war schon dabei gewesen, ihre Karten auf den Tisch zu legen. Sie suchte sogar bereits nach einer Ausrede, um Kenta und/oder Kaede zu besänftigen – wobei es ja eigentlich nichts Neues war, dass die Hexe mal wieder Geld aus der Kasse genommen hatte, um es in nur wenigen Stunden (manchmal auch nur Minuten) zu verspielen. Sie wartete nur darauf, dass ihr Gegner seine Chips in die Tischmitte legen würde. Doch er schien selbst zu zögern. Neugierig linste Shion durch ihre pinken Löckchen und studierte den Gesichtsausdruck ihres Gegenübers. Unbewegt wie eh und je. Könnte sie doch nur in seinen Kopf reinschauen. „Leg’ die verdammten Chips doch endlich in die Mitte und spann mich nicht weiter auf die Folter“, dachte sich Shion etwas ungeduldig. Sie hatte sich innerlich bereits mit ihrer Niederlage abgefunden. Aber es kam doch anders. Ihr Gegner legte die Karten auf den Tisch. Fold.

Für einen Augenblick nahm das Pinklöckchen ihre Umgebung nicht mehr wahr. Nun musste sie nicht wie sonst mit ganz leeren Taschen heimkehren. Etwas, das sehr sehr selten geschah... wenn überhaupt. Gunthers Stimme war zu einem Gemurmel im Hintergrund verschwommen und drang nur gedämpft zu ihr durch. „[...] heut‘ die Backen halten.“ Immer noch vom Glückstaumel erschlagen, sah Shion nun auf und blickte selig lächelnd in die Richtung, von welcher die Stimme kam. „...Backen halten?“, wiederholte sie leicht irritiert, wobei das Grinsen immer noch auf ihren Lippen lag. Morgen würde sie vom vielen Grinsen bestimmt Muskelkater in den Wangen bekommen. „Ha! Nichts da! Ich lad’ euch alle auf eine Ru-“ Ehe Shion jedoch ihren Satz beenden konnte, würgte Gunther ihren Redeschwall wieder ab: „Für heute hab’ ich Feierabend. Wenn du Schnapsdrossel weitertrinken möchtest, dann wo anders.“

Die Gruppe hatte sich relativ schnell wieder aufgelöst. Die meisten trennten sich nach einer kurzen Verabschiedung. Manche, wie der Gaffer, verliessen die Kneipe aber auch wortlos. Ehe der düstere Gegner der letzten Runde sich jedoch auch nur in Richtung Tür drehen konnte, hatte Shion ihn auch schon am Ärmel gepackt. „Ah, warte!“ Die Hexe trabte drei Schritte nach vorne und stellte sich ihm in den Weg. Nun sah sie ihn auch zum ersten Mal etwas genauer bzw. näher vor sich und nicht nur im düsteren Licht der Kneipe. „Ooohh....“, rutschte es ihr über die Lippen. Ihr war gar nicht aufgefallen, dass er so... entstellt aussah. Ihre Augen weiteten sich – aus Neugier und nicht etwa, weil sie Angst oder Abscheu verspürte. Vorsichtig streckte die Hexe dann ihre rechte Hand aus, um sein Gesicht zu berühren und – „Tschüss Shion und mach nicht zu lange!“ Ihr Tischnachbar ging zwinkernd an ihr vorbei und meinte mit seinem Abschiedsgruss wohl eher: „Verprassel nicht dein ganzes Geld heute Abend!“

Draussen angekommen, hatte Shion den Ärmel immer noch nicht losgelassen. Mit dem Rücken zu ihm, aber den Kopf leicht zurückgedreht, sodass sie ihn gerade noch sehen konnte: „Bradley, oder? Ah nein, war es nicht Brad?“ Sie hatte eine Vermutung und war innerlich ganz aufgeregt, sodass sie sich etwas beherrschen musste, um ihn nicht noch genauer unter die Lupe zu nehmen. War er das, was sie dachte, das er war? Ja? Die Frage lag ihr auf der Zunge, doch aus Erfahrung, rückte sie nicht gleich damit raus. Ihre ‚Kinder’ hatten jedenfalls noch nie stolz damit angegeben, Zombies zu sein. Doch wenn Brad/Bradley/Bardy tatsächlich einer sein sollte, dann wäre er der erste Untote (mit freiem Willen), dem sie begegnet ist und der nicht von ihr selbst reanimiert wurde. „Schon müde oder noch Lust auf eine Runde? Geht auch auf mich!“ Sie hatte seinen Ärmel nun losgelassen und wandte sich ihm mit einem strahlenden Lächeln wieder ganz zu.

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